Meine Erfahrung in der peruanischen Textilbranche (Teil 1)

Meine Berufserfahrung in der aufregenden Welt von Stoffen, deren Verarbeitung und Konfektion begann im Jahr 2006 als ich gut 1,5 Jahre für zwei große peruanische Textilexporteure tätig war. Im den folgenden zwei Blogartikeln möchte ich euch die wichtigsten Kennzeichen der peruanischen Textilbranche vorstellen. Ich werde euch von meinen ganz persönlichen Erfahrungen aus peruanischer Sicht erzählen und wie uns diese bei der Entwicklung unseres Projektes Mama Ocllo® hilfreich waren.

Allgemeine Informationen

Wie in vielen Entwicklungsländern, stützt sich auch die Wirtschaft meines Heimatlandes Peru auf den Abbau von Rohstoffen. Bodenschätze machen ca. 60% des gesamten Exports des Landes aus, wobei Gold und Kupfer den größten Anteil davon tragen. Wie ihr vielleicht schon gehört habt, ist Perus Geschichte schon seit vielen Jahrhunderten ganz eng mit dem Edelmetall Gold verbunden. Auch bei den Inkas spielte Gold eine ganz bedeutende Rolle, repräsentierte es doch den Sonnengott Inti.

Alle weiteren Wirtschaftssektoren wie die Fischerei, die Landwirtschaft, die Textilbranche, das Bauwesen und die Dienstleitungsbranche nehmen bisher noch eine nachgeordnete Rolle ein, auch wenn diese mit dem positiven Wirtschaftswachstum des Andenstaates kontinuierlich an Bedeutung gewinnen.

Aus verschieden historischen, wirtschaftlichen und technischen Gründen hat sich die peruanische Textilindustrie in erster Linie in der Hauptstadt Lima und in einigen größeren Küstenstädten entwickelt. Peru ist ein sehr zentralistisch orientiertes Land, so leben 30% der Gesamtbevölkerung (ca. 10 Mio. Einwohner) in Lima und etwa 60% des BIP wird dort erwirtschaftet.

Man unterteilt die peruanische Textilbranche grob in die Produktion für den Binnenmarkt und in die Produktion fürs Ausland, wobei letztere zumeist wesentlich höheren Qualitätsstandards unterliegt.

Textilien für den Binnenmarkt: “Gamarra – der kommerzielle Gigant”

Karte - GamarraDas beste Beispiel um den dynamischen Binnenmarkt im Bereich Textilien zu verstehen ist das kommerzielle Zentrum Gamarra, das ca. 3 km vom Zentrum Limas entfernt ist und aus rund 20.000 Geschäften besteht, die sich auf mehr als 150 Einkaufshallen verteilen. Gamarra ist im wahrsten Sinne des Wortes eine „Stadt in einer Stadt“, die rund 10.000 Kleinunternehmer des Textilsektors beherbergt und mehr als 100.000 Personen mit Arbeit versorgt. Inmitten tausender Geschäfte findet man Fabriken, Schneidereien sowie Lieferanten verschiedenster Produkte und Dienstleistungen rund um das Thema Textilien. Theoretisch ist es möglich in kürzester Zeit eine eigene Kollektion schneidern zu lassen und diese auf dem Markt anzubieten; vorausgesetzt wird lediglich etwas Erfahrung und eine Menge Durchhaltevermögen.

Eine kleine Info am Rande: Mama Ocllo® wird nicht in Gamarra produziert, sondern von einem familiengeführten Betrieb mit Sitz in Pueblo Libre, dem Universitätsviertel von Lima.

Von einer gemiedenen Region zum textilen Zentrum Perus

Peru - Lima - GamarraIn nur 60 Jahren wandelte sich Gamarra von einem verruchten Gebiet, in dem Alkohol und Prostitution an der Tagesordnung waren, in das größte Textilzentrum Perus und zugleich in eines der wichtigsten in ganz Lateinamerika. Mittlerweile muss man bis zu $ 20.000 für einen Quadratmeter Land bezahlen.

Doch nicht alles ist so rosig wie es zunächst klingen mag. Tagtäglich sieht sich Gamarra mit unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeiten konfrontiert: ein unkontrolliertes Wachstum, die Informalität vieler Unternehmen, ein Mangel an Sauberkeit und die ständige Gefahr, einem Taschendieb in die Ärme zu laufen. Und dennoch gibt es ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Größe von Gamarra bis zum Jahr 2020 zu verdreifachen.

Ramsch oder Qualitätsprodukte?

Lange Zeit ließ die Qualität der in Gamarra konfektionierten Kleidung zu wünschen übrig, die Preise waren niedrig und der Vertrieb konzentrierte sich ausschließlich auf den Binnenmarkt (die verwendete Baumwolle stammte zumeist aus Indien). Jedoch zeichnet sich seit einigen Jahren eine allmähliche Veränderung ab. Immer mehr Unternehmer haben die Qualität ihrer Produkte verbessert und begonnen nach Kolumbien, Chile, Ecuador und die USA zu exportieren. Dank der seit 2011 neuen und zugleich ersten S-Bahn-Linie in Peru, wagen sich immer mehr Menschen aus wohlhabenderen Regionen auf der Suche nach Schnäppchen in die chaotischen Straßen von Gamarra, einem Stadtteil, der ihnen bisher völlig unbekannt war.

Wer auf der Suche nach einem Einkaufserlebnis ganz anderer Art ist, für den dürfte sich ein kurzer Abstecher nach Gamarra lohnen. WICHTIG dabei: bitte keine Wertgegenstände wie teure Kameras und Schmuck mitnehmen, denn diese könnten beim Bummeln durch die Straßen Gamarras abhanden kommen. Also am besten legere unscheinbare Kleidung anziehen und alles was einem lieb und teuer ist im Hotel lassen!

Vielleicht warst du sogar schon einmal in Gamarra? Dann erzähl uns von deiner Erfahrung!

Teil 2 folgt in Kürze . . .

1 Kommentar

  1. […] Der Exportmarkt, der sich auf die hohen Ansprüche ausländischer Kunden spezialisiert hat, entwickelte sich aus der Blütezeit Gamarras heraus, dem industriellen Zentrum Perus (Artikel vom 17.6.). […]

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