Tschüss, Baby! Vom Abnabeln und Loslassen

Es gibt wohl keine innigere Beziehung als die einer Mutter zu ihrem Baby. Daher fällt das langsame Abnabeln und Loslassen besonders schwer. Heute also einmal ein paar Reflexionen zum Thema Loslassen.

Wie das ICH auf einmal an Bedeutung verliert

Die ersten 20 oder 30 Jahre deines Lebens gehören dir allein. DU stehst im Mittelpunkt und deine eigenen Bedürfnisse gilt es zu befriedigen. Und du hast eine Menge Bedürfnisse! Wer kennt sie nicht, die Maslowsche Bedürfnispyramide, die veranschaulicht, nach was wir als Menschen verlangen, was zur Sicherung unserer Existenz von Nöten ist und uns über kurz oder lang glücklich werden lässt.

Und dann kommt der Moment, der alles verändert. Plötzlich spürst du, wie neues Leben entsteht, in deinem Körper, wie sanfte Tritte dir zu zeigen versuchen, dass du schon bald nicht mehr allein sein wirst mit deinen Wünschen und Bedürfnissen. Wenige Monate später hörst du, wie nach dir verlangt wird und immerzu deine Nähe gesucht wird. Wie von Zauberhand wandelt sich deine Bedürfnispyramide zugunsten deines Babys.

Du fängst an, dich selbst zu vergessen, deine Bedürfnisse zurückzustellen und es bleibt nur ein Wunsch; nämlich der, dass es deinem Baby gut geht. Du genießt die Nähe, Wärme, das Geliebt- und Gebrauchtwerden. Schnell gewöhnst du dich daran, möchtest, dass die Zeit stehen bleibt, bis du merkst, dass sie das nicht tun wird und dir wird bewusst, dass du lernen musst loszulassen, um dich selbst wieder wahrnehmen zu können.

Abnabeln, ablegen, abstillen, abgeben und verabschieden, diese verflixten ab-Wörter, die als Mama so sehr schmerzen und an denen doch kein Weg vorbei führt.

„Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück.“ (Buddha)

Abnabeln, ablegen und abstillen

abnabeln und loslassen„Neun lange Monate trage ich dich im Bauch und was bleibt ist eine Leere, die mich in eine Depression fallen lässt.“ So einen ähnlichen Satz hatte ich von einer Freundin gehört, nachdem ihr Mädchen das Licht der Welt erblickt hatte. Meine Freundin brauchte einige Wochen, um dieses beklemmenden Gefühl loszuwerden, dass ihr etwas fehle, weil das Baby nun ihren Körper verlassen hatte. Das Abnabeln endete in diesem Fall nicht mit dem Durchschneiden der Nabelschnur, denn der Kopf und das Herz wollten nicht loslassen.

Uns, Gustavo und mir, viel es während der ersten Monate unheimlich schwer, unseren Miguel abzulegen, weil er sofort weinte, sobald der den Körperkontakt zu Mama und Papa verlor. Sein kleiner Bauch schmerzte und unser Herz. Also trugen wir ihn immer bei uns, schenkten ihm die Wärme, die er brauchte und konnte sein Weinen im „kalten“ Kinderwagen nicht ertragen. Das ständige Tragen gab mir die notwendige Zeit um mich „physisch abzunabeln“, denn was zuvor in meinem Bauch war, trug ich nun auf meinem Bauch.

Auch das Abstillen bedeutet loslassen. Durch das Stillen wird eine sehr intime Bindung zwischen Mutter und Kind aufgebaut, es entsteht ein wundervolles Gefühl der Verbundenheit und des Einsseins. Abstillen ist häufig eine große Herausforderung für Baby und Mama und nur wenn beide Seiten bereit für diese Form des Loslassens sind, gelingt dies ohne Tränen.

Abgeben und verabschieden

„Tschüss, Baby! Mama muss zur Arbeit und kommt dich nachher wieder abholen.“ In vielen Ländern müssen die jungen Mütter bereits nach 3 Monaten zurück in den Beruf, bei uns sind es glücklicherweise 1-3 Jahre, die unser Sozialsystem uns schenkt. Die meisten Frauen nehmen nach 12 Monaten ihre Tätigkeit wieder auf, denn nur so können sie das Familieneinkommen sichern.

Ob nach 3 Monaten, 12 Monaten oder 36 Monaten, irgendwann kommt der Moment der Trennung. Dabei macht es zunächst keinen großen Unterschied, ob die physische Trennung 1 Stunde, 1 Tag oder mehrere Tage andauert. Jede noch so kurze Trennung tut weh.

Mama und Baby brauchen hier viel Zeit, Vertrauen und wenn möglich kleine Rituale, die das Abschiednehmen leichter werden lassen. Wann der richtige Zeitpunkt für eine erste kurze Trennungsphase ist, muss jede Mama mit Blick auf ihr Baby ganz individuell entscheiden. Ich kenne Eltern, die die ersten Jahre rund um die Uhr für ihr Baby da waren. Es gibt aber auch genug Eltern, die viel früher bereit sind, ein stückweg loszulassen.

Ja, das Loslassen sei der Weg zum Glück, so heißt es im Buddhismus. Ich bin davon überzeugt, dass er es ist, aber loslassen lernen ist zugleich die größte Herausforderung, die das Leben uns stellt, meint ihr nicht?

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